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Workshop am 16. Februar 2016 am ZMSBw:

Messen, Beurteilen, Entscheiden: Organisationsdiagnostik - Neue Erkenntnisse und Methoden.

Am 16. Februar 2016 fand am Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr (ZMSBw) in Potsdam der Workshop „Messen – Beurteilen – Entscheiden: Organisationsdiagnostik – Neue Erkenntnisse und Methoden“ statt. Diese als Pilotprojekt angedachte Veranstaltung versammelte unter der Leitung von Prof. Dr. Angelika Dörfler-Dierken (ZMSBw) und PD Dr. Birgit Oldopp (Zentrum Innere Führung/Koblenz, ZInFü) Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus der Ressortforschung der Bundeswehr und von zivilen Universitäten sowie Soldatinnen und Soldaten zu interdisziplinärem Austausch über Fragen der militärischen Organisationkultur und deren Weiterentwicklung. Einleitend stellte Frau Dörfler-Dierken heraus, dass die Bundeswehr sich in einer aufregenden Phase ihrer Geschichte befindet: aus der – wie die Militärsoziologie sagt: – cold organization kann unter den gegenwärtigen Weltverhältnissen schnell eine hot organziation werden. Vielleicht muss man aber auch sagen: Die Bundeswehr ist längst eine solche hot organization geworden?! Diskussionen, ob die Bundeswehr mancherorts im Krieg ist, sind in den letzten Jahren geführt worden, und allenthalben ist deutlich, dass die Sicherheitslage sich nicht verbessert hat. Dazu kommt, dass das Augenmerk der Öffentlichkeit sich in Zusammenhang mit der Flüchtlingsregistrierung immer stärker auf Bundeswehreinsätze im Inneren richtet, und dass der Pool junger Menschen, aus dem das Militär seinen Nachwuchs im Wettbewerb mit anderen Arbeitgebern rekrutieren kann, kleiner wird. Vor allem aber bedeutet die Frage, welche Veränderungen der Militärorganisation die geopolitische Entwicklung notwendig macht, neue Herausforderungen. Dass das Vermessen der Probleme, die Beurteilung der Ergebnisse und sachangemessene Entscheidungen von immenser Bedeutung für die Weiterentwicklung der Organisation Bundeswehr sind, wurde offensichtlich.

Nach einer kurzen Begrüßung durch den Kommandeur des ZMSBw, Oberst Dr. Hans-Hubertus Mack, referierten sieben Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus verschiedenen Bereichen der Ressortforschung und von außerhalb der Bundeswehr zu ihren forschungsleitenden Fragestellungen und aktuellen Projekten, zu ihren Forschungsmethoden und vorliegenden Ergebnissen. Integraler Bestandteil der Veranstaltung war die Erörterung der Thesen und Erkenntnisse bei lebhaften Diskussionen im Plenum.


Dr. Markus Steinbrecher (ZMSBw) eröffnete die Veranstaltung mit seinem Vortrag „Zur Theorie der Empirie oder: Von der Verführungskraft der Zahlen“. Er stellte die Risiken und Unsicherheiten vor Augen, die typisch sind für quantitative empirische Sozialforschung. So hängt die Validität der Forschungsergebnisse von zahlreichen speziellen Indikatoren ab, auch wenn der Rezipient der Ergebnisse meint, auf diese bauen zu können. Schon die Frage, ob man die Ergebnisse im Längsschnitt der Jahresmittelwerte präsentiert oder ob man kurzzeitige Ausschläge abbildet, verändert die Wahrnehmung der Forschungsergebnisse und hat Auswirkungen auf mögliche Entscheidungen. Trotzdem, auch das wurde deutlich, kann eine professionelle und rationale politische Steuerung nicht auf empirische Zahlen und ihre wissenschaftliche Einordnung verzichten.

PD Dr. Jens Kowalski, Leiter der Gruppe angewandte Militärpsychologie / Forschung, referierte zu „Militär- und organisationspsychologischen Untersuchungen. An der Schnittstelle von Wissenschaft und Praxis“, die seine wehrpsychologische Gruppe durchführt.


Dr. Elke Goltz, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Methoden der empirischen Sozialforschung und Statistik der Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr in Hamburg, zeigte in ihrem Vortrag „Offizieranwärter und Offiziere des Heeres im Spiegel empirischer Untersuchungen“ Evaluationsnotwendigkeiten und -möglichkeiten von Ausbildungsstrukturen in der Bundeswehr in einer Studie zu Offizieranwärtern und jungen Heeresoffizieren während der Ausbildung an der Offizierschule des Heeres in Dresden und in einer Kampfkompanie in Munster auf. Kapitän zur See Hermann Strasser vom Zentrum Innere Führung stellte die Chancen und Grenzen der Datenbank zur Inneren und Sozialen Lage der Bundeswehr (ISoLa) vor. Er sah die ISoLa als „Frühwarnsystem“ – bevor Probleme öffentlich werden, sollen militärische Führung und politische Leitung Material in die Hand bekommen, um sich ein begründetes Bild der Situation machen zu können. Die ISoLa arbeitet eng mit dem Beauftragten für Erziehung und Ausbildung der Bundeswehr zusammen und hat ein eigenes Meldesystem installiert.


Oberst André-Michael Abed, ebenfalls vom ZInFü, gab den Teilnehmern einen Einblick in das „Spitzenkräftecoaching“ das im Rahmen der Attraktivitätsagenda für die Besoldungsgruppen A 16 bis B 9 angeboten und rege in Anspruch genommen wird.


Klaus Göz von der Unternehmensberatung accenture, die im Geschäftsbereich des BMVg, aber auch weit darüber hinaus in der öffentlichen Verwaltung tätig ist, begründete eindrücklich seine These, dass „Organisationsentwicklung nur von außen!“ gelingen kann, denn Impulse für Innovationen, Einsparpotentiale und Alternativen kommen aufgrund der Trägheit der Systeme kaum durch interne, häufig aber durch externe Beratungstätigkeit in Gang.


Zuletzt lenkte Prof. Dr. Alexander Redlich von der Universität Hamburg mit seinem Vortrag „Qualitative Forschung für die Praxis. Beispiele zur Theoriebildung, Intervention und Evaluation“ den Blick der Teilnehmer auf die Methoden, Einsatzmöglichkeiten und Wirkungen qualitativer Sozialforschung für organisationale Probleme und Konflikte. Er zeigt anhand von Schulleitern auf, wie diese ihren Dienst im Spannungsfeld zwischen übergeordneten Behörden mit deren bürokratischen Anforderungen und selbstbewussten Lehrern tun – ein Modell, das unschwer auf die mittleren Führungsebenen bei der Bundeswehr zu übertragen ist. Interessant auch ein anderes Beispiel: Ausgeschiedene Soldaten der Bundeswehr mit Einsatzerfahrung „inszenierten“ ihre soziale Identität im Rahmen eines zivilen Forschungsprojekts.


Alle Vorträge sorgten für interessierte Nachfragen, machten Verbindungen zu anderen Bereichen in der Bundeswehr offensichtlich, regten an zu Diskussionen und zur Herstellung von Linien zwischen wissenschaftlichen Ergebnissen und täglicher Erfahrung. In der abschließenden Gesprächsrunde dankten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer für die erkenntnisreichen Einblicke in fremde Forschungs- und Wirkungsbereiche und diskutierten die Möglichkeiten zukünftiger Modelle interdisziplinären Austauschs, etwa in Form weiterer Workshops. Die Gastgeberin, Frau Dörfler-Dierken, dankte den Referenten und Teilnehmern für anregende Vorträge und aktive Diskussionen.






 

Torge Ziemer, Angelika Dörfler-Dierken


Flyer zum Workshop.pdf
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Für weitere Informationen wenden Sie sich bitte an den
Pressesprecher Oberstleutnant Dr. Harald Potempa
(zmsbwpressestelle@bundeswehr.org), Telefon +49 331 9714-400.